Holger ruft an zu weißen Flecken in der Ukraineberichterstattung

Die blinden Flecken bei den blinden Flecken

Grundsätzlich mag ich den Podcast Holger ruft an auf Übermedien, aber der Beitrag „Haben zu viele Journalisten beim Thema Ukraine eine Schere im Kopf?“ vom 1. März 2024 löste bei mir dann doch einige Fragezeichen aus. Holger Klein schien nicht viel vom Thema zu wissen, während sein Gast Moritz Gathmann einerseits widersprüchlich argumentierte, andererseits teilweise sehr seltsame Beispiele brachte. Keiner der beiden ging auf die Relevanz der diskutierten „blinden Flecken“ ein – nicht jedes Thema, das man verschweigt, ist ein blinder Fleck. Manchmal ist es auch einfach irrelevant. Die teilweise sehr starken Thesen Gathmanns wurden entweder gar nicht oder nur mit Einzelfällen belegt, gleichzeitig schien Holger Klein nichts von der sehr russlandfreundlichen Vergangenheit Moritz Gathmanns zu wissen (zumindest wurde dessen Tätigkeit für russische Medien erst offengelegt, nachdem in den Kommentaren auf diese hingewiesen wurden.)


Garthmann spricht im Interview pauschal anderen Gruppen (Wissenschaftlern und Journalisten) ab, überhaupt sachlich zur Ukraine zu berichten, weil sie zu aktivistisch motiviert seien. Er belegt dieses Aktivismus allerdings nirgends, sondern nutzt ihn vor allem als Spiegel für sein eigenes, angeblich objektiveres Verständnis der Lage „vor Ort“.


Ich möchte hier einige der Argumente genauer ansehen und prüfen, ob sie wirklich relevant sind oder nicht.


A Die Staatlichkeit der Ukraine


1. Die zwei Elfenbeintürme


Ein sehr zentrales Argument von Moritz Gathmann lautet, die Medien blickten zu sehr aus der Wolkenperspektive auf den Konflikt. Es gehe vor allem um die Wirkung des Konflikts auf die internationale Ordnung, weniger um dessen Auswirkungen auf das Leben der Ukrainer.


Als wichtigstes Gegenargument bringt er dann aber einen ebenso wolkigen Aussichtspunkt: Die Staatlichkeit der Ukraine, die angeblich bei einer Fortführung des Konflikts gefährdet sei. Warum ist das für das tägliche Leben der Ukrainer so wichtig?


2. Staatlichkeit der Ukraine 2024 gefestigter als 2014.


Warum die Staatlichkeit gefährdet sei, führt er aber nicht weiter aus – worin besteht die Gefahr? Warum hält er sie für hoch?


Die fehlende Untermauerung dieser These ist aber nicht einmal das einzige Problem, denn grundsätzlich können Staaten an den Folgen eines Kriegs zusammenbrechen, siehe etwa das Deutsche Reich nach dem 1. Weltkrieg.


Das passiert allerdings eher selten, denn Staaten sind ausgesprochen widerstandsfähige Gebilde. Mir fallen mindestens drei historische Beispiele ein, in denen Staaten deutlich schlimmere Verluste hinnehmen musste als die Ukraine heute, ohne dass es zu einem Zusammenbruch kam:


    • Die Ukraine verlor laut einer Studie aus dem August 2023 im ersten Kriegsjahr etwa 223.000 Soldaten durch Tod, Verwundung oder Kriegsgefangenschaft.


    • Paraguay verlor im Guerra de la Triple Alianza nahezu seine gesamte männliche Einwohnerschaft: Von 150.000 Männern (zwischen 13 und 70) lebten am Ende des Krieges noch 28.000. Trotzdem war die Staatlichkeit Paraguays nie gefährdet.


    • In Frankreich waren während des 1. Weltkriegs die wichtigen nordfranzösischen Industriegebiete vom Deutschen Reich besetzt, es verlor etwa 325.000 Soldaten pro Kriegsjahr. Auf die Stabilität der Dritten Republik hatte dies keinen Einfluss.


    • Im Koreakrieg wurden beide Seiten teilweise bis in kleinste Enklaven zurückgedrängt. Südkorea kontrollierte kurz nach Kriegsbeginn nur noch das Gebiet um Busan, Nordkorea wurde in der Gegenoffensive teilweise bis in abgelegene Bergregionen an der Grenze zu China zurückgedrängt – am Ende war Korea größtenteils verwüstet, ohne dass sich die Grenze zwischen beiden Koreas verschoben hätte oder die Handlungsfähigkeit eines der Koreas verloren ging.


Neben diesen historischen Beispielen, in denen andere Staaten wesentlich schlimmere Verluste verkrafteten, spricht aber auch die Entwicklung in der Ukraine seit 2014 gegen einen drohenden Verlust der Staatlichkeit. Im Jahr 2014 hatten sich verschiedene Oligarchen als nahezu unabhängige Gouverneure mit eigenen Privatarmeen etabliert, nur mit deren Hilfe konnte die Ukraine überhaupt im Donbas standhalten. Seither wurden diese Privatarmeen in die staatlichen Streitkräfte eingegliedert, der Einfluss der Oligarchen massiv zurückgedrängt. Die ukrainische Regierung ist heute also durchsetzungsfähiger als zu Beginn des Krieges.


3. Russland will die Staatlichkeit der Ukraine vernichten


Dazu kommt ein dritter Punkt: Russland will die Ukraine als Staat vernichten. Das ist erklärtes Kriegsziel, wie Dmitri Medwedew, der stellvertretende Vorsitzendes des Sicherheitsrat der Russischen Föderation, gerade wieder verkündet hat: „One of the former Ukrainian leaders said once that Ukraine was not Russia. This concept must disappear forever. Ukraine certainly is Russia.“


Vorsitzender des Sicherheitsrat ist qua Gesetz immer der russische Präsident, Medwedew ist also das ranghöchste Mitglied des Sicherheitsrats direkt nach Putin. Der Sicherheitsrat der Russischen Föderation wird vom Präsidenten der Russischen Föderation aus von ihm selbst handverlesenen Politikern gebildet. Da sitzen also keine verrückten Hinterbänkler, die auch mal was sagen wollten, sondern Leute, die Putin für loyal und zuverlässig hält. Mit anderen Worten: Was Medwedew da sagt, ist kein Zufall, kein blöder Fehler, kein durchgeknallter Oppositionspolitiker, sondern die Aussage eines ranghohen Politikers mit engsten Verbindungen zu Putin.


Bei der TASS handelt es sich um die staatliche russische Nachrichtenagentur, also kein merkbefreites Alternativmedium, sondern das offizielle Sprachrohr der russischen Regierung.


(Um die Situation mal auf deutsche Verhältnisse zu übertragen: Das wäre ungefähr so als wenn der Kanzleramtsminister während eines Konflikts mit Polen von einem Deutschland in den Grenzen von 1871 schwadroniert und das dann 1:1 vom Bundespresseamt verbreitet wird.)


Mit anderen Worten: Selbst wenn die Ukraine zu Friedensgespräche mit Russland bereit wäre, läge die Forderung nach Aufgabe der Eigenstaatlichkeit weiter auf dem Tisch. Sie kann dieser Gefahr weder durch Friedensgespräche noch durch eine Kapitulation umgehen.


Das Thema möglicher Verlust der ukrainischen Staatlichkeit ist also kein blinder Fleck, sondern ein irrelevantes Gedankenspiel aus einem Elfenbeinturmzimmer hoch über den Wolken.


B Unkritische Haltung gegenüber der Ukraine


Das zweite wichtige Argument Gathmanns lautet, die Berichterstattung sei gegenüber der Ukraine zu unkritisch, geradezu willfährig.


Hierfür nennt er vor allem zwei Beispiele: Den Bedarf an einer Akkreditierung für Journalisten, die in die Nähe der Front reisen wollen, und Berichte zu zivilen Opfern durch ukrainische Handlungen.


1. Akkreditierung für Journalisten


Moritz Gathmann spricht davon, dass es schwierig sei, die Akkreditierung zu erhalten, wenn man nicht vollständig auf ukrainischer Linie berichte. Er nennt dafür genau ein Beispiel, nämlich Christian Wehrschütz, ORF-Korrespondent in der Ukraine. Dem war die Akkreditierung tatsächlich zunächst verweigert worden, bevor er sie vor ukrainischen Gerichten erfolgreich einklagte.


Gathmann verschweigt hierbei aber einen wichtigen Punkt: Christian Wehrschütz wurde von seinem eigenen Arbeitgeber (dem ORF) gerügt, weil er in seiner Funktion als ORF-Korrespondent in mindestens zwei Fällen ungeprüft russische Propaganda verbreitete. Darüber hinaus gab es weitere Fälle, wo er als Privatperson Inhalte teilte, die dem Narrativ der russischen Propaganda entsprechen.


Wenn selbst jemand wie Christian Wehrschütz eine Akkreditierung erhält, scheint mir die kein Problem, sondern lediglich eine lästige Formalie zu sein.


2. Berichte über ukrainische Kollateralschäden


Laut Gathmann werde in deutschen Medien nicht von Kollateralschäden durch ukrainische Kampfhandlungen berichtet. Er nannte dafür zwei Beispiele: Einen Raketeneinschlag auf den Markt von Kostjantyniwka und vage Andeutungen von Bombardierungen im Donbas.


Es stimmt, dass deutsche Medien zunächst die ukrainische Position übernahmen, wonach es sich um einen russischen Angriff handele. Nachdem die New York Times die Angaben überprüft hatte und auf die Ukraine als Verursacher verwies, nahmen aber die Medien diese Recherche auf und korrigierten ihre ursprünglichen Berichte bzw. veröffentlichten neue Artikel mit Hinweis auf den wahren Verursacher.


Gleiches gilt für Angriffe auf den Donbas, deutsche Medien berichteten z.B. ausführlich über ukrainische Artillerieangriffe auf die Stadt Donezk.


Es gibt sogar noch mehr Beispiele, in denen Gathmanns Behauptung gerade nicht zutrifft:


Auch beim Raketeneinschlag in Przewodow berichteten Medien von der Ukraine als Verursacher, obwohl diese das vehement bestritt.


Ebenso wurde ein Bericht von Amnesty International über ukrainische Kriegsverbrechen weiträumig in den Medien besprochen, obwohl nicht nur die ukrainische Regierung, sondern auch die ukrainische Sektion von Amnesty International widersprachen.


Deutsche Medien berichten also, entgegen Gathmanns Behauptungen, sehr wohl über ukrainische  Kriegsverbrechen und zivile Kollateralschäden durch ukrainische Handlungen. Wenn es hier eine Schlagseite zugunsten der Ukraine gibt, dann aus einem einfachen Grund: Die Ukraine verübt weniger Kriegsverbrechen als Russland und verursacht weniger Kollateralschäden – zumindest laut Angaben des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte, Amnesty Internationals und Human Rights Watch.


3. Rekrutierungspraxis der Ukraine


Als weiteren Punkt sprach Garthmann über menschenrechtswidrige Praktiken der Ukraine bei der Mobilisierung und Rekrutierung von Soldaten für die ukrainische Armee, die angeblich nicht in den Medien besprochen würden. Tatsächlich griffen deutsche Medien ein entsprechendes Video von Radio Free Europe auf.


Das ist allerdings einer der wenigen Punkte, in denen ich Garthmann zumindest teilweise recht geben würde: Dieses Thema dürfte ruhig intensiver beleuchtet werden.


4. Kriegsmüdigkeit in der Ukraine


Garthmann spricht vage unbekannte Statistiken an, die eine Kriegsmüdigkeit in der ukrainischen Zivilgesellschaft belegen sollen. Angeblich wäre eine Mehrheit bereit, Gebietsverluste in Kauf zu nehmen, um den Krieg zu beenden.


Laut einer Umfrage der Kyiv International Institute of Sociology im Dezember 2023 sprachen sich 74 % der befragten Ukrainer gegen einen Friedensvertrag aus, in dem die Ukraine auf Gebiete verzichtet. Anderslautende Darstellungen konnte ich ausschließen in russischen Quellen finden.


5. Darstellung des russischen Einflusses im Donbas


Hier behauptet Garthmann, in deutschen Medien würde zu wenig über den einheimischen Ursprung des Aufstands im Donbas berichtet. Er sei zwar vom russischen Geheimdienst entzündet worden, aber zu Beginn hätte er vor allem auf Unterstützung der lokalen Einwohner beruht.


Diese Behauptung ist gleich doppelt falsch:


  1. Deutsche Medien berichteten bis zur Annexion des Donbas durch Russland stets von prorussischen Separatisten, also von einer vor allem von der lokalen Bevölkerung getragenen Revolution.

  1. Selbst in der Anfangszeit im April 2014 bestanden die Volksmilizen im Donbas nur zu 20 % aus Einheimischen, der Rest bestand aus verschiedenen russischen und tschetschenischen Paramilitärs. Die Volksmilizen und Paramilitärs wurden von Russland finanziert, versorgt und ausgestattet. Spätestens im August 2014 (also vier Monate nach Beginn der Kämpfe) kämpften reguläre Einheiten der russischen Armee an der Seite der Volksmilizen. Spätestens 2016 unterstanden Volksmilizen und Volksrepubliken vollständig russischer Kontrolle.

Wenn es hier einen blinden Fleck in der Berichterstattung gibt, dann ist er der massive russische Einfluss Russlands auf den Aufstand im Donbas.


C Ausblenden des Leids der ukrainischen Zivilbevölkerung


Schon in Punkt A) sprach ich Garthmanns Kritik an der Wolkenperspektive in der Berichterstattung an, er selbst gab dann aber nur ein Gegenspiel: Sein Erlebnis mit einer ukrainischen Witwe, die kurz zuvor erfahren hatte, dass ihr Mann gefallen war.


Hier hat er Recht. Wir sprechen sehr wenig über das alltägliche Leid in der Ukraine. Wenn, dann kommen vor allem Kriegsversehrte zur Sprache.


Er blendet aber auch etwas aus, nämlich das Leid der Zivilbevölkerung in den russisch besetzten Gebieten. Russische Truppen foltern, verschleppen und rauben die eroberten Gebiete systematisch aus, weil die russische Regierung sie russifizieren will.


D Weiße Flecken bei Garthmanns blinden Flecken


Während Garthmann im großen Maßstab sehr zweifelhafte blinde Flecken anführt, schweigt er über diverse andere Ereignisse in der Ukraine, über die man durchaus ausführlicher berichten sollte:


1. Ukrainische Industriepolitik


Hier kommt vor allem die Landwirtschaft der Ukraine als Devisenbringer und ihr Einfluss auf die Getreidepreise in der Europäischen Union vor. Die Ukraine besitzt aber auch abseits davon eine starke Industrie, etwa im Bereich Luft- und Raumfahrt. Diese dürfte von einer Kriegswirtschaft enorm profitieren, zulasten anderer Industrien. Auch selbst entwickelte Waffen der Ukraine werden selten angesprochen.


2. Kunst und Kultur in der Ukraine


Wie steht es um Kunst und Kultur in der Ukraine, wie wirkt sich der Krieg auf das kulturelle Leben aus?


3. Zivilgesellschaft und Demokratie


Was bedeutet der Krieg für zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Teilhabe? Hat die starke Unterstützung der Truppe Auswirkungen auf die Unterstützung anderer sozial schwacher Gruppen? Solange der Krieg andauert, kann laut ukrainischen Gesetz nicht gewählt werden – wie soll die Demokratie aufrechterhalten werden, wenn der Krieg noch Jahre dauert? Wie wirkt sich der Aufbau der ukrainischen Verwaltung auf die Widerstandsfähigkeit der Ukraine aus?


4. Einfluss verschiedener sozialer Gruppen


Wie groß ist der Einfluss der Oligarchen in der Ukraine? Wie verteilt sich politische Macht allgemein?


Fazit


Die Aussagen von Moritz Gathmann stehen alle auf schwankenden Boden. Selbst in den Fällen, in dem ich ihm zumindest teilweise zustimmen, übertreibt er die blinden Flecken stark. In vielen anderen Fällen nennt er für seine starken Anschuldigungen entweder keine Belege oder – wenn er Belege liefert – entkräften diese seine Aussagen nach Überprüfung. Er trägt keinerlei „blinden Flecken“ vor, die nicht auch in der russischen Propaganda vorkommen.


Gleichzeitig versucht er, Leute mit anderer Meinung als vermeintlich voreingenommene Aktivisten zu diskreditieren, ohne dies in irgendeiner Weise zu untermauern. Das ist ein typisches Vorgehen beim Verbreiten von Verschwörungserzählungen.


Meinem Eindruck nach sieht Moritz Gathmann die Berichterstattung nicht kritisch, sondern ist aus seiner früheren Tätigkeit als Berichterstatter in und über Russland zumindest teilweise in russischen Verschwörungserzählungen verfangen.